Beagle Nathan erzählt :

 

Als ich 1995 bei den Knorr´s eingezogen bin, war es ihnen bestimmt nicht bewusst, wie sehr ich ihr Leben grundlegend verändern würde. Ich war wie die meisten jungen Hunde sehr stürmisch, verspielt, neugierig und, was ich heute noch bin, ein absoluter Charmeur. Das musste ich auch sein, denn ich hatte nur Blödsinn im Kopf

Ich machte es meinen Leuten bestimmt nicht leicht, denn es war viel schöner mit geklauter Klobürste durchs Wohnzimmer zu fegen als irgendwelche Gehorsamsübungen zu machen. Auch draußen stellte ich meine Ohren oft auf Durchzug, denn schnüffeln war für mich das Größte. Aber wer kann mir schon böse sein ?

Als ich 10 Monate alt war, suchte mein Frauchen eine Hundetrainerin, die ihr bei meiner Erziehung helfen sollte. Ich bekam in der ersten Stunde gleich ein Halti verpasst und an das Halsband eine 20m  lange Leine. Mein erstes Sitz auf Kommando musste ich auf glühend heißem Asphalt machen. Die Trainerin wollte es so, aber mir tat es verdammt weh. Am liebsten hätte ich es ihr gezeigt „wo“ und „wie“ es wehtat, aber ein Gentleman tut so was nicht. Diese ewigen Kommandos „Sitz, Platz, Hiiier, Fuuußß“, die dauernd üben musste, nervten mich. Ich wusste erst überhaupt nicht, was die von mir wollten, denn keiner hat es mir genau erklärt. Nur, wenn ich nicht machte, was sie wollten, kam ein sehr schmerzhafter Leinenruck an meinen Hals. Also tat ich ihnen den Gefallen und war „gehorsam“ ,hörte mir ein „Fein“ an und fraß mein Leckerchen. Letzteres war für mich das einzig Sinnvolle an diesem Training.  Ich hatte bald keine Lust mehr auf diese ganzen Übungen, noch weniger auf das Gezerre an meinem Hals. Ich  stellte meine Ohren noch mehr auf Durchzug und konzentrierte mich draußen auf die Wildspuren. Hatte ich eine und startete durch, endete das Vergnügen leider meist nach 20 Metern  mit einem brutalen Leinenruck, so dass ich sogar öfters durch die Luft geflogen bin. Aber ich probierte es immer wieder und setzte meine ganze Energie ein (ein waschechter Beagle gibt nicht auf), aber es endete immer frustrierend und schmerzhaft. Dabei habe ich die Spuren doch nur benutzt, um meinem Frauchen zu zeigen, was für ein „guter Beagle“ ich bin und..... um der ganzen Quälerei zu entrinnen.

Ich sollte lernen, an anderen Hunden vorbei zu gehen. Viel lieber wollte ich mit ihnen spielen. Da ich aber nicht hin durfte, kläffte ich natürlich.  Mit meiner Stimme war  das „schön“ laut und sehr deutlich. Die Trainerin zerrte  gnadenlos an dem Halti und und brüllte „aus“.  Mir hat sich eingeprägt: ein anderer Hund auf der Bildfläche bedeutet Druck, Stress und Schmerz für mich, kann also nichts Gutes sein. Meine Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Hunden verwandelte sich bald in Unsicherheit und Aggression.  Als ich das erste Mal von einem anderen Hund gebissen worden bin, war alles vorbei. Ich hatte Angst und dachte mir, bevor mich ein anderer beißt, drohe und kläffe ich lieber zuerst, egal ob Ruck am Halti oder am Halsband. Ich hatte  vor dem Halti Angst, musste es aber anziehen. Ein Jahr lang wurde ich so traktiert. Ich hatte dauernd Hals – und Mandelentzündungen von den Leinenrucken und meinem Gekläffe. Aber was noch viel schlimmer war, ich hatte zu meinem Frauchen immer weniger Vertrauen. Ich ging sehr auf Distanz, ließ mich ungern anfassen, verweigerte den Gehorsam nun ganz. Endlich begriff mein Frauchen, dass dies nicht der richtige Weg war, mich oder überhaupt einen Hund zu erziehen. Sie ging auf die Suche nach professionellen Hundetrainern, die wirklich etwas von Hunden verstehen und hat sie Gott sei Dank auch gefunden. Die von ihnen vermittelten neuen Erkenntnisse und Erfahrungen und die daraus bewirkten Veränderungen bei mir haben mein Frauchen so beeindruckt, dass sie sich entschlossen hat selber die langwierige und schwierige Ausbildung als Hundetrainerin  zu absolvieren, damit auch noch andere Artgenossen von mir in den Genuss einer hundegerechten Erziehung kommen. Während der letzten Jahre habe ich mein Frauchen auf fast allen Wegen begleitet. Es gab keine Schmerzen mehr beim Training, ich lernte ohne Zwang, ich durfte spielen, ich durfte Fährten laufen, kurz gesagt, ein hundgerechtes Leben führen. Auch die Grundkommandos machen mir jetzt Spaß. Aber das wichtigste und schönste für mich war, dass ich wieder starkes Vertrauen zu meinem Frauchen entwickelt habe. Denn mein Frauchen hat jetzt gelernt wie wir Hunde uns ausdrücken und kann genau erkennen, wann ich Angst habe, unsicher oder auch mal aggressiv bin und reagiert entsprechend. Aber sie beherrscht mich nicht und setzt mich nicht mehr unter Druck, sondern führt mich mit liebevoller Konsequenz durch mein Hundeleben.

 

1999 zog Percy, meine geliebte Retrieverhündin, bei uns ein. Percy hatte es die ersten Jahre sehr schwer, weil sie von klein auf – wohl genetisch bedingt – vor allem was die Umwelt und das Leben mit sich bringt, panische Angst hatte. Menschen, andere Hunde, eine Mülltonne auf dem Weg, ein Heuhaufen, Autos, die scheinende Sonne, der Mond am Horizont, das Betreten fremder Räume und noch viel mehr waren für Percy ein großes Problem. Mein Frauchen hat gelernt, mit Geduld und viel Einfühlungsvermögen Percy so zu führen, dass sie jetzt viele Dinge in ihrem Leben ohne Angst meistert. Zu Hause macht sie Servicetraining wie z.B. Handy holen, Licht anmachen, Post holen, Strümpfe ausziehen, Schlüssel holen – Dinge, die eigentlich auch ein Behindertenbegleithund lernt. Draußen läuft sie exakt neben dem Rollstuhl her, hebt Sachen auf, die Frauchen verliert, sogar ein 2-€-Stück (übrigens, ich lerne meistens mit und kann das auch). Zwar kann sie das nur in reizarmer Umgebung, für die Stadt hat sie immer noch zu schwache Nerven, aber ich finde es toll, dass sie Spaß bei dem Training hat und diese vielen Dinge überhaupt gelernt hat. Percy ist jetzt viel ausgeglichener und auf Grund des positiven Erlebens der Beschäftigung ein glücklicher Hund, und, wenn unser Frauchen Lehrgänge oder Seminare besucht ist sie auch mit dabei.

 

 


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Stand: 12.03.2006